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Wo sind die Tellerwäscher?

einwanderungHätte es im Amerika des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Sperrklauseln für bestimmte Bevölkerungsgruppen gegeben, die Iren wären wahrscheinlich nicht hineingelassen worden. Deutsche, Italiener und osteuropäische Juden ebenso wenig. Sie waren verlotterte Gestalten; arm, hungrig und weit entfernt von den kulturellen Umgangsformen der WASPs, der White Anglo-Saxon Protestants, die ihre Vorfahren noch bis zu den idealistischen Pilgrim Fathers zurückverfolgen konnten.

Viele der Zuwanderer verstanden kaum Englisch, einige lernten es bis an ihr Lebensende nicht. Es war schließlich gar nicht notwendig: Für jede Einwanderergruppe bildeten sich eigene Wohnviertel, es wurden Zeitungen in ihrer Sprache gedruckt, später Radioprogramme gesendet.

Höchstwahrscheinlich war auch die Kriminalitätsrate unter den Zuwanderern höher, auch wenn es hierzu in den USA keine eigene Statistik gegeben hat; doch ist die Cosa Nostra ja legendär. Übrigens ohne dass dies, zumindest nach meiner Kenntnis, in den USA je zu einer Forderung des Stopps von Zuwanderung aus Italien geführt hätte.

Integrationsunwillige Einwanderer? Man werfe nur einen Blick auf die deutschstämmigen Emigranten, die vor den Nationalsozialisten in die USA flüchteten. Ein Heinrich Mann hat zeitlebens kaum Englisch gesprochen, er lag seiner Familie auf der Tasche und hat zur amerikanischen Gesellschaft, erst Recht zu ihrer Wirtschaft, nichts beigetragen. In den USA ist er aber dennoch geblieben, bis zu seinem Tod 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Glücklicherweise ist seine Einwanderung niemals verhindert worden.

Einzelfälle haben niemals das große Erfolgsmodell des Melting Pot, des e Pluribus Unum der USA in seiner Entwicklung gestört. Amerika hat stets auf Einwanderung gebaut, es hat ohne Ansehen von Personen und Herkunft die Kraft und Kreativität des Einzelnen geschätzt. Und wurde damit zum nicht nur an Geld reichsten Land der Erde, zur Supermacht.

Wenn Horst Seehofer nun die Eingrenzung von Zuwanderung fordert, und zwar nach kulturellen Bezugsgruppen, dann steht dies im fundamentalen Gegensatz zu eben diesen Prinzipien eines Einwanderungslandes. Es beweist, dass die Einsicht, Deutschland sei ein Einwanderungsland, eben doch nur Einsicht geblieben ist. Sie wurde nie zum Selbstverständnis.

Und vielleicht können auch diejenigen, die nun Seehofer “entgegnen”, Deutschland müsse auf hochqualifizierte Zuwanderer setzen, mal erklären, wie sie das meinen: Wir ziehen die ausgebildeten Fachkräfte aus der Welt ab, und der Rest bleibt da, wo er ist? Kriegt ja schon dem Niebel sein Geld von uns?

Liebe Leute: Einwanderungsland, das bedeutet mehr als Einwanderung haben. Es bedeutet, Chancen zu geben. Die Chance auf persönliche Entwicklung, auf Entfaltung von Kreativität und am Ende auch Wohlstand. Wenn das Bild, das in Deutschland von Einwanderung vorherrscht, sich auf das einer Einwanderung in Sozialsysteme beschränkt, so sollte man vielleicht mal darüber nachdenken, ob die Ursache hierfür gar nicht in der Einwanderung, sondern in den Sozialsystemen zu finden ist.

Könnte also auch einmal jemand die Frage stellen, ob das Integrationsversagen großer Einwanderergruppen ein Symptom dafür ist, dass unser Wirtschafts- und Sozialsystem und seine gesellschaftliche Akzeptanz von Erfolg und Aufstieg für Einwanderung ungeeignet geworden ist? Dass die Barrieren, eine Existenz zu gründen oder eine Geschäftsidee in die Tat umzusetzen, zu groß sind? Dass die Erfolgsstory des Tellerwäschers, der zum Millionär wird (und auf diesem Weg Arbeitsplätze schafft), in Deutschland deshalb so selten ist, weil das Ansehen des Millionärs an sich in kaum einer Politikerrede oder Panorama-Sendung unbeschädigt bleibt?

Das pure Verlangen von Integration ist zur Erfolglosigkeit verdammt. Integration ist ein innerer Prozess und nur als solcher zu denken. Er muss zum Erfolg führen können.

Wenn (“Integration ist kein Einbahnstraße”) von den Deutschen also ein Beitrag zur Integration gefordert wird, so sollte dieser eben nicht darin bestehen, ein Bataillon Sozialpädagogen zu entsenden und islamische Feiertage auswendig zu lernen. Deutschland sollte sich vielmehr die Frage stellen, ob ein Land, das eben doch durch und durch sozialdemokratisiert ist, noch in der Lage sein kann, den Wert von Erfolg zu vermitteln.

Das kann einer wie Horst Seehofer nicht. Seine Einteilung in gute und schlechte Einwanderergruppen ignoriert nach Kräften die Fähigkeiten des Einzelnen, weil er in Gruppen und Kollektiven denkt. Wer den Einzelnen aber nicht schätzt, der kann das Einwanderungsland nicht gestalten. Seehofer ist von Gestern. Hoffentlich.

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  1. Ein ordentlicher Beitrag zu einer sonst niveaulosen diskussion! Wir sollten uns nicht als etwas verstehen, was wir überhaupt nicht sind: Besser als andere!

  2. Und vielleicht können auch diejenigen, die nun Seehofer “entgegnen”, Deutschland müsse auf hochqualifizierte Zuwanderer setzen, mal erklären, wie sie das meinen:

    Wir verhalten uns so wie Australien und Kanada – oder ist deren Einwanderungspolitik verachtenswert ?

  3. Doch doch, es gab die Forderung nach einem Einwanderungsstopp. Teils die nach einem Einwanderungsstopp der Italiener, auch nach einem Einwanderungsstopp der Iren, und auch die nach einem Einwanderungsstopp der Katholiken.
    Ich habe jetzt keine Links bei der Hand, die das belegen und auch nicht vor, sie zu suchen ;P es stimmt aber trotzdem. Der Ku Klux Klan hat die Katholiken auch explizit unter seinen Feinden gelistet, übrigens.

    Freilich: Forderung ist nicht gleich Umsetzung, und so durften die Katholiken auch weiter ins Land strömen. Trotzdem ist das Land nicht “gekippt” und zu einem Satellitenstaat des Heiligen Stuhls in Rom mutiert, die Ängste von damals waren also ungebründet.

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