Konservativ

Konservative müssen dick sein und dem Bier zugetan. Sie sind wenigstens heimlich so rassistisch wie sexistisch und wünschen nichts mehr, als dass sich die Großen wohl genährt und die Kleinen ausgebeutet fühlen. Sie verehren die Obrigkeit, den Status Quo – und allerhöchstens noch die gute alte Zeit. Es ist so billig, und doch so präsent: Das Heßlingske Feindbild eines Konservativen zieht sich durch die politische Existenzberechtigung der linken und alternativen Hemisphäre, dass es an Lächerlichkeit grenzt.

Ursprünglich einmal haben sich die alternativen Kräfte gefunden um Vorurteilen entgegen zu treten; Vorurteilen gegen andere Lebensweisen, gegen Fremde und Ausländer, gegen Protestformen. Der Sieg ist längst errungen, die Übernahme der öffentlichen Verwaltungen und der Medien wurde ebenso erreicht wie die Hoheit über die Definition von Tabubrüchen und Formulierungsfragen.

Für vieles muss man ihnen ganz herzlich danken: Eine Gesellschaft, die heute unbestritten mehr Vielfalt und Toleranz zelebriert als vor fünfzig Jahren, die Kulturen zusammen führt und Fesseln löst: es gibt so etwas wie eine historische Leistung der mittleren Generation.

Der Turning Point wird irgendwann Anfang der 90er Jahre gelegen haben. Als es nichts mehr zu übernehmen gab, nichts mehr zu überzeugen und nichts zum Gegenankämpfen, da versagten sie in der Erkenntnis, längst gewonnen zu haben.

Der Grund für den Kampf entfiel, es blieb: Das Feindbild von früher. Wer immer sich für Kernkraft ausspricht oder für Steuersenkungen, an der EU Kritik übt, an staatlichen Transferleistungen und Umverteilungsprogrammen, ploppt als böser Konservativer auf wie ein kinderfressender Schachtelteufel. Der Angry White Man ist da. So sehen sie das.

Heute wird dieses Feindbild daher auch immer noch dazu genutzt, Programme zu begründen. Seht her, er ist immer noch da, der rücksichtslose Kapitalist, der mit Lobbyisten Zigarre raucht und nur seinen Profit im Sinn hat. Er muss begrenzt werden in seinem Handeln. Wir brauchen Programme: Zur Umverteilung, zur Lenkung der Wirtschaft, zum Schutze der Umwelt. Wie viel Prozent der öffentlichen Haushalte fließt in Initiativen, die eine Eindämmung dieses Stereotyps zum Ziel haben?

Doch ebenso, wie die Vorurteile des Kleinbürgers vor 50 Jahren zu widerlegen waren, hat auch das gut gepflegte Stereotyp des Konservativen mit der Wirklichkeit nicht viel gemein.

Konservativ, das bedeutet dem Einzelnen zu vertrauen. Ihn und seine Kreativität zu ehren, ihn als fehlbar anzuerkennen. Zu verinnerlichen, dass die Macht von ihm ausgehen muss und nicht von öffentlichen Verwaltungen oder eitlen Entscheidungszirkeln. Nennen Sie es Pathos: Die Liebe zum Menschen und seinen Fähigkeiten. Und zwar ohne Rücksicht auf Abstammung oder sonstige Minderheiteneigenschaften. Der Mensch, nicht der Deutsche ist gemeint.

Ich möchte vermeiden, selbst in das Zeichnen von Feindbildern zu verfallen, wenn ich der alternativ-progressiven Gegenseite vorwerfe, dieses Ideal aufgegeben zu haben. Tatsächlich hat die Geschichte der Menschheit ja ausreichend Gründe geliefert, den Fähigkeiten des Menschen zu misstrauen: Nationalismus und Rassismus existieren. Der Menschenhass existiert.

Wie anders als mit der lenkenden Hand des Staatswesens soll also diesen Eigenschaften entgegen getreten, wie sollen Exzesse verhindert werden? Wie anders kann man den Kampf der Linken also verstehen, wenn sie mit klaren Positionen, und ja, hier und da auch ein wenig unterschwelliger Erziehung des Bürgers, alles zum Guten wenden möchte?

Das fragen sie und ignorieren dabei, dass die Menschen verachtenden Ideologien in Vergangenheit und Gegenwart zwar – natürlich – stets von Menschen erdacht, aber (und man möge bitte Gegenbeispiele nennen) ohne ein starkes, ein umerziehendes, ein veränderndes Staatswesen, an deren Hebel der Macht sie gelangt sind, nicht umsetzbar gewesen wären. Diese Hebel zu schleifen, stattdessen die Macht und die Kontrolle auf die Menschen zu verlagern, das war 1776 ebenso richtig und visionär, wie es zeitlos notwendig ist.

Konservatismus plädiert für den Menschen, nicht für “Politik”. Er ist kritisch gegenüber nicht legitimierten Machthabern, skeptisch gegenüber Umverteilungsmechanismen, ablehnend gegen jede Form von staatlicher Umerziehung, sei es in die eine oder die andere Richtung. Er kämpft gegen Diskriminierung, pflegt Toleranz – und gleiche Chancen für alle.

Der Konservatismus braucht einen Neubeginn, der den Wert und die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Einzelnen betont und verteidigt – ebenso, wie die öffentlichen Wortführer endlich Schluss machen müssen mit der Gleichstellung konservativer Positionen mit niederen Beweggründen.

Write a Comment

Comment