Die WELT auf Hexenjagd

Mein Gott, was ist das denn nun wieder für eine:

Christine O’Donnell leugnet die Evolution, hält Masturbation für Sünde und rühmt ihr Hexenwissen. Sie könnte Senatorin werden.

Vielleicht bereut Die WELT, dass sie im Präsidentschaftswahlkampf vor zwei Jahren die Lufthoheit über die lächerlichste Klischeeberichterstattung dem SPIEGEL überlassen hat. Nun muss Christine O’Donnell (schon zum zweiten Mal in nur zehn Tagen) als Symbolfigur für die US-Kongresswahlen herhalten.

Vielleicht, weil es einfach so viel Spaß macht. So wie wenn man lustige Eskimos zeigen würde, die bei der Stimmabgabe an einer eisigen Wahlurne festfrieren oder Polen, die ihren Kampagnenfuhrpark mit gestohlenen Autos bestücken. Klischees halt: Einfach, böse und ungerecht. Das ist es, was deutsche Qualitätsmedien können.

Und weil es als rassistisch gilt, sich auf Eskimos oder Polen zu stürzen, ist es ein großes Glück für SPIEGEL und WELT, dass die Amerikaner etwa alle zwei Jahre einen ihrer Wahlkämpfe abhalten, die in den Augen eines aufgeklärten Europäers natürlich nichts anderes als kommerzialisierte Show sind. Und jedes Mal kann man Ausschau halten, wo diese bösen Republikaner ihr lächerlichstes Flaggschiff positionieren – und sich drauf stürzen. Letztes Mal war es Sarah Palin, in den Jahrzehnten zuvor kam Ronald Reagan ohne die Beschreibung eines einfältigen Schauspielers ebenso wenig weg wie Newt Gingrich als Ausgeburt des Konservativen. Von George W. Bush ja gar nicht zu reden.

Nun also O’Donnell. Dass ihre Äußerungen zu Masturbation und Evolution oder die Hexenbekenntnisse den Ausschnitten einer Talkshowreihe aus den 90er (!) Jahren entspringen, wird verklausuliert erwähnt. Dass O’Donnell sich heute davon distanziert, gar nicht mehr.

Uwe Schmitt stellt sich als Autor des Artikels zudem ganz in die Tradition der USA-Korrespondenten von SPIEGEL und STERN und scheint dem Auffüllen seiner Kenntnisse über Amerika mit einem Wohnaufenthalt an der Ostküste, dem Lesen der New York Times und abendlichen Genuss von Saturday Night Live zu genügen.

Exakt dies sind nämlich die (linken) Medien, die sich in den letzten Wochen zur Genüge an O’Donnell ausgelassen haben. Mit einem entscheidenden Unterschied zu Schmitt: Sie wissen (und diskutieren es auch hier und da), dass, selbst wenn die Kandidatin aus Delaware etwas gegen Masturbation oder Evolution hätte, es für ihre Position im US-Senat völlig ohne Bedeutung wäre.

Im Gegenteil: Mal abgesehen von der Verfassung ist es gerade O’Donnell, die sich in ihrer Wahlkampagne dafür einsetzt, dass die Bundesebene der USA in ihrem Einfluss zurück gedrängt wird. Und so debattiert sie auch mit ihrem Widersacher. Schmitt erwähnt dies auch, versteht es aber offensichtlich nicht:

Die Moderatoren bestehen aber darauf zu fragen, ob neben der Evolutionslehre auch Kreationismus gelehrt werden solle. „Das muss jede Schule selbst entscheiden“, weicht O’Donnell aus. Und auf eine weitere Nachfrage: „Was ich glaube, ist irrelevant.“

Auch wenn es für das deutsche Wesen nicht nachvollziehbar ist: Das meint O’Donnell Ernst. Es ist die große Auseinandersetzung zwischen Republikanern (bzw. der Tea-Party-Bewegung in ihren Reihen) und den Demokraten. Es geht nicht um die Überstülpung konservativer Werte, einer „geistig-moralischen Wende“ sozusagen, sondern um die Einhaltung dessen, was seit jeher amerikanisches Selbstverständnis ist: Entschieden wird unten, vom Volk, nicht in Washington.

Und so mag man in inhaltlichen Einzelfragen weit von O’Donnell entfernt sein (ich bin es auch in den meisten Fällen) – der Kerninhalt ihrer Politik ebenso wie vieler anderer Republikaner (und übrigens auch nicht weniger Demokraten) ist die Verlagerung von Macht nach unten – in die Schule, zu den Eltern, in die Countys, zu den Einzelstaaten.

In Deutschland, wo sich ein Bundesministerium mittlerweile auch des Kühlschrankinhalts seiner Untertanen annimmt, wird diese Haltung nicht verstanden. Aber es ist die gottverdammte Pflicht eines USA-Korrespondenten, amerikanische Politik zu erklären, nicht, sie aus deutscher Sicht zu beschreiben. Oder ins Lächerliche zu ziehen.

Die einseitige und ausklammernde Berichterstattung hat vor allem zur Folge, dass sich Leser, wie jetzt schon in den Kommentaren unter dem WELT-Artikel zu lesen, über die Minderwertigkeit von Amerikanern auslassen können. Nehmen wir nur einmal an, O’Donnell würde gewinnen? Wäre das nicht wieder ein Beweis für eben diese Durchgeknalltheit, die Verschrobenheit der Amerikaner? Und hiervon wiederum nur ein kleiner Schritt zu ihrer Gefährlichkeit? (Sie wird übrigens nicht gewinnen, darauf möchte ich wetten – ihr Gegenkandidat Chris Coons wird im traditionell demokratischen Delaware insbesondere von der stets unsicher und hektisch wirkenden O‘Donnell nicht zu schlagen sein.)

Das Bad-News-Prinzip gilt nicht nur für Israel, es kann auch auf die USA angewandt werden. Und nicht nur, wenn Wahlen anstehen.